Seit ungefähr einem Jahr kann ich mich nicht mehr so richtig daran erinnern, welcher Mensch ich vor meiner Bekehrung war – beziehungsweise wie sich dieses Mensch-Sein damals anfühlte und wie ich dachte. Tatsächlich ist der alte Mensch vergangen und es gibt nur noch ein paar blasse Erinnerungen an das, was ich früher so dachte.
Jesus Christus und der Glaube, sowie das Vertrauen zu IHM verändert nicht unbedingt von heute auf morgen das Leben eines Menschen, aber es verändert den Kern eines Menschen so sehr, dass man es paradoxerweise oft gar nicht bemerkt. Irgendwann sitzt man dann auf einer Bank und denkt ein bisschen nach, plötzlich fällt einem auf: hey, wo ist meine Vergangenheit? Wo ist das alte Ich?
Es ist weg!
Nicht, dass ich es zurückhaben möchte. Oh nein. Ich möchte nur gerne verstehen, was mit mir passiert ist. Aber ich versteh es nicht
.
Ich finde das recht erstaunlich. Eine Zeit lang dachte ich, dass die Bekehrung ein strikt persönlicher und innerlicher Prozess ist, dessen Verlauf kaum verifizierbar ist. Dann schenkt mir Gott ein paar Momente der Erinnerung, die wirklich sehr tief nach innen führen, und mir wird klar: nicht nur mein Denken ist anders geworden, sondern ich selbst bin objektiv feststellbar anders geworden. Darüber gibt es jetzt keinen Zweifel mehr. Ich kann den alten Menschen zurück lassen und es gibt keinen Grund Angst vor der Vergangenheit zu haben. Angst davor, dass man das Christentum nicht richtig begriffen hat und nun wieder zurückfällt. Eine Sünde lässt den Menschen nur dann merklich zurückfallen, wenn er sie nicht bereut und keinen Abstand davon nimmt. Eine alte Sünde von früher macht einen jedoch noch lange nicht zu dem alten Menschen, der man einmal war und das habe ich heute begriffen.
Auf den alten Menschen zurück blicken zu dürfen und festzustellen, dass er tot ist, war für mich ein unglaublich großes Geschenk.
Manchmal versuche ich die Vergangenheit gedanklich zu rekonstruieren, um zu verstehen, wie es anderen Menschen just in diesem Moment geht. Vornehmlich jenen Menschen, die einen ähnlichen Lebenswandel ausführen, wie ich damals. Das Witzige ist, ich kann es nicht! Zwischen mir und meinen alten Bekannten aus der Heiden- oder Atheistenszene hat sich eine Ebne verschoben. Dass es Leute gibt, die an Odin und Thor oder an Reinkarnation glauben, ist für mich genauso fremd, wie die Annahme, dass es keinen Gott gibt. So fremd, als ob mich diese Dinge nie betroffen hätten.
Und ich komm einfach nicht drauf, wie es möglich ist, dass ein Mensch innerhalb eines Tages eine Kehrtwendung um 180° macht. Es gibt kein Patent dafür; keine Anzeichen, an denen man sieht: jetzt bald wird sich dieser oder jener Mensch bekehren. Dann passiert es mit einem Menschen, von dem man es niemals erwartet hätte. Ist das nicht großartig? Gott denkt so ganz anders als wir.
Wenn ich einen sogenannten „Gottesbeweis“ erbringen müsste, so würde mir als erstes die Bekehrung und der Glaube an Gott einfallen. Die Bekehrung und eine Konversion zeigt auf, dass der Glaube nicht anerzogen ist, sondern dass es Jeden zu jeder Zeit „erwischen“ kann, wenn man bereit ist. Man sieht es doch an mir! Ich hatte eine miserable Kommunion-Katechese; einen mittelmäßigen Religionsunterricht; eine Pfarrgemeinde zum Weglaufen und zu Hause hatte ich auch nicht das konservativ-katholische Elternhaus. Von so einer Erziehung ganz zu schweigen. Es gab indes in meiner frühen Kindheit eine Bindung zu Gott. Diese Bande waren so zart, dass sie leider von meiner Seite aus nicht gehalten haben. Es war Gott, der bei mir wieder anknüpfte.
Kann man begreifen, dass der größte und einzige Herrscher über Welt und All – über alles Lebendige – sich zu einem kleinen verkrüppelten Seelchen herablässt und ihm die Hände reicht? Er tat es schon einmal für die ganze Menschheit, als er sich als Säugling ganz klein in die Hände der Menschen begab und er tut es auch heute noch! Was würde ich dafür geben, es den anderen Menschen zu erklären, aber wie will man etwas erklären, was man selber nicht begreift und wie soll man etwas erklären, was jeder Mensch selber erfahren muss? Das geht nicht und deswegen reicht das Reden über den Glauben nicht aus, um andere Menschen von Christus zu überzeugen. Besonders in unserer Zeit braucht es ein starkes Gebetsleben und ein souveränes christliches Handeln.