CONSERVARE

… Salz der Erde

P. Johannes Baptista Reus SJ – Teil 3

Posted by conservare - 20/10/2009

Selbstbiographie und Tagebücher

Der Diener Gottes mußte nämlich im Auftrag seiner zuständigen Vorgesetzten und auf ausdrückliche Weisung des Herrn eine Selbstbiogrpahie und dann ein fortlaufendes Tagebuch schreiben. Es war ihm auch verboten, das Geschriebene zu vernichten, und so wurden nach seinem Tode auch weiteren Kreisen die Wunder der Gnade bekannt, die Gott in ihm gewirkt hatte. Wenn man freilich in diesen Schriften liest, wird derjenige, der P. Reus nicht persönlich kannte, unwillkürlich geneigt sein, zu denken: das könne doch fast unmöglich wahr sein. Wer aber den Diener Gottes kannte, der weiß auch: Wenn je einmal, dann scheint bei ihm jede nur mögliche Bürgschaft menschlicher Glaubwürdigkeit gegeben zu sein; denn P. Reus war nicht bloß ein ausgesprochen nüchterner, ja geradezu trockener und einsilbiger Mann, er war auch das, was man einen „Wahrheitsfanatiker“ nennen könnte. Dazu kommen andere Gründe, die aus seinen Aufzeichnungen sprechen. Jedenfalls haben seine Oberen nicht an der Echtheit der ihm verliehenen Gnaden gezweifelt und ihm deshalb befohlen, sie schriftlich niederzulegen. — Diesen Auftrag bezeichnete der Pater in der Einleitung der Selbstbiographie (die bis zum Jahre 1937 geht) als die „größte Demütigung“ seines ganzen Lebens; doch er wollte Gott „freudig gehorchen, auch in schweren Dingen“ und er dachte dabei auch an das Wort des hl. Paulus (2 Kor 1,11), daß „für die Gaben, die uns um vieler willen verliehen sind, Gott durch viele für uns Dank gesagt“ werde. Im Anschluß an Worte des gleichen Apostels (im Römerbrief 9,1) erklärt er: „Als Diener Christi sage ich die Wahrheit, und der Hl. Geist selbst bestätigt meine Worte in dem Zeugnis meines Gewissens. Dies gilt besonders von den mystischen Vorgängen, die zu erzählen der göttliche Heiland mir befiehlt durch das Wort des Oberen“.

Besondere Sendung

Verhältnismäßig einfach ist der äußere Lebensrahmen, in dem sich das in Gott verborgene Innenleben des Paters abspielte. Nach den Gymnasialstudien und einem Jahr Militärdienst in Bamberg trat J. B. Reus in das dortige Seminar ein und wurde am 30. Juli 1893 zum Priester geweiht. Nach einem Jahr der Landesseelsorge in Neuhaus a. d. Pegnitz ging er in das Noviziat der deutschen Jesuiten, das sich damals in dem alten Kastell Blijenbeck in Holland befand. Auf seine Bitten um Entsendung in die überseeischen Missionen nach Brasilien gesandt, war er von 1901 bis 1914 in den Städten Rio Grande do Sul und S. Leopoldo in der Seelsorge tätig. Von 1914 bis 1947, also 33 Jahre lang wirkte er dann im Seminar von S. Leopoldo (in der Erzdiözse Porto Alegre) als Lehrer und Spiritual.

In der äußeren Arbeit hat der Diener Gottes keine außergewöhnlichen Erfolge erzielt. Ja, es hatte den Anschein, als ob der Herr selbst immer mehr das sichtbare Wirken seines Erwählten einschränke, um ihn desto mehr hinzuweisen auf seine besondere und nicht weniger priesterliche Sendung restlosen Mitopferns und Mitgeopfertseins mit dem ewigen Hohenpriester Christus Jesus in steter und vollkommener Liebe. Die Stellung des Spirituals für seine Ordensmitbrüder hatte er ständig; auch erwarb er sich als Professor der Liturgie und durch sein Lehrbuch „Curso de Liturgia“ großes Ansehen im ganzen portugiesischen Sprachgebiet. Doch in bezug auf sein unmittelbares, äußeres Wirken schrieb P. Reus selbst am 13. November 1918: „Es scheint, das hl. Herz Jesu will von mir nichts als Liebe, Liebe… In diesen letzten Jahren wurde meine äußere Tätigkeit immer mehr eingeschränkt. Vom Pfarrer (in S. Leopoldo) bin ich zum Spiritual des ganzen Seminars geworden. Dann verlor ich die geistliche Leitung der Seminaristen und ihrer Kongregationen. Jetzt wird die Zahl der Beichtkinder immer kleiner… Also liebe! liebe! liebe! Verlaß die Welt und sei nicht niedergedrückt!“ — Kennzeichnend für seine demütige und selbstlose Liebe sind die Bemerkungen, mit denen er den Entzug der geistlichen Leitung der Philosophen und Theologen des Seminars sich aufzeichnet (am 9. Jan. 1917): „Gestern erhielt ich meine Bestimmung: das Amt eines geistlichen Vaters im Seminar aufzugeben. Ich fühlte großen Trost, weil Du auf diese Weise mehr geliebt wirst. Ich genügte den Anforderungen nicht. Groß war Deine Barmherzigkeit und Freigebigkeit, weil Du mich berufen hattest, daß ich an einem fruchtbaren Orte Dir diente. Aber ich entsprach nicht den Erwartungen.“ Und dann fügte er das schöne Wort hinzu: „Nichtsdestoweniger wird niemand Dich mehr lieben als ich… Gern gebe ich dieses fruchtbare Amt ab, ja sage Dir deshalb Lob und Dank, da Du durch Vermittlung anderer besser geliebt wirst. Oft sagte ich doch: ich will nicht Deine Geschenke, sondern Deine Liebe. Jetzt habe ich Gelegenheit, dies wahr zu machen.“ — Ein Ausdruck seiner ehrlichen Demut ist auch noch seine Schlußbemerkung: „Innigst freue ich mich, daß Du diese Gesinnungen der Dankbarkeit, Unterwürfigkeit und edler Liebe in mein Herz gelegt hast. Ich erkenne nämlich, daß diese Gesinnung ein Wunder Deiner Gnade ist.“ — Zum Teil trug sicher zu einem gewissen äußeren Mißerfolg der Umstand bei, daß es dem P. Reus, wenigstens in den Jahren seines äußeren Wirkens, nicht gegeben war, leutselig und anziehend zu erscheinen; erst im späteren Alter speigelte auch das gütige Lächeln seines Antlitzes mehr die reife Milde und innere Heiligkeit wider. Im August 1916 berichtet der Diener Gottes von Vorhaltungen, die ihm sein Beichtvater machte. Diese waren zwar offensichtlich und vielleicht gewollt übertrieben, aber sie zeigen doch deutlich die Grenzen und Schwächen in der menschlichen Anlage des P. Reus: „Wenn man mir begegne“ — so schreibt dieser selbst die Anklagen des Beichtvaters nieder — „so sei man versucht, mir auf ein paar Schritte Abstand auszuweichen. Meine Körperhaltung sei unnatürlich. Die Bescheidenheit der Augen sei übertrieben. Ich schrecke die Knaben von mir ab, so daß sie mich eher fürchten als lieben… Es sei schon nicht mehr natürlich zu erklären, wie ich das (ständige Fasten und die vielen Strengheiten) aushalte.“ — Auch dieser Beichtvater hatte keine Ahnung, wie sehr P. Reus unter einer unmittelbaren und außerordentlichen Führung Gottes stand und wie er auch nicht eine Linie vom Gehorsam abwich. Der Missionsobere hatte nämlich dem Diener Gottes geraten, auch mit dem Beichtvater nicht von seinen inneren Wegen zu sprechen, denn er wollte der Gefahr einer doppelten oder sich widersprechenden Seelenführung vorbeugen. Den Pater selbst aber ließ gerade das Bewußtsein der erhaltenen Gnaden und der daraus folgenden Verpflichtung alles, was er tat, für zu wenig erscheinen: „Manchmal sagte ich zu mir selbst: es wird beim Gericht einst eine Überraschung sein, wenn man sieht, wie wenig ich in Wirklichkeit getan habe.“ Daß dieses „Wenige“ aber doch alles war, was P. Reus geben konnte, verrät er, ohne es zu wollen, selbst mit den Worten: „So pflegte ich es zu machen: Ich ging überall so weit, daß entweder Befehl der Oberen oder physische Unmöglichkeit meinem Tun ein Ziel setzte oder Krankheit mich belehrte, ich sei zu weit gegangen. Dies war und ist auch heute noch mein Grundsatz.“ (So schrieb er im Jahre 1936).

Wenn wir versuchen wollen, in einem Worte das Kennzeichnende des außergewöhnlichen Innenlebens unseres Paters anzudeuten, so drängen sich unwillkürlich die Worte aus dem fünften Buche des Moses auf: „Dominus, Deus tuus, ignis consumens est: der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer“ (Deut. 4,24). P. Reus ward ausersehen und machte sich selbst zum Opfer dieser verzehrenden göttlichen Liebe. Schon in frühen Jahren hatte ihm Gott ein großes Verlangen eingegeben und ihm die Bitte auf die Lippen gelegt: „Herr, gib, daß ich Dich liebe — daß ich Dich im Werke liebe!“ Und diese Bitte und Sehnsucht wollte der Herr in einem Maße und in einer Weise erfüllen, die sein Diener niemals geahnt hätte und die angedeutet ist in oftmals wiederkehrenden Worten wie diese: „Es gefällt Gott, mich brennen zu sehen in den Flammen, die Er sebst entfacht und wobei Er mir die zärtlichsten Äußerungen der Liebe einhaucht, so innig, so zärtlich, daß ich ihnen Raum gebe, nur weil Er es will, unter einer Art von Schauer in Gedanken an seine unendliche, furchtbare Majestät… Ich weiß überhaupt nichts anderes zu tun als lieben, nur lieben!… Ich kam ins Zimmer zurück und fühlte schon die Glut, die mich auf den Boden zu bringen drohte. Ich gab aber nicht gleich nach. Da geschah, was auch sonst des öfteren kam: Die Glut wurde noch ärger, so daß ich zu Boden sank. Sie erpreßte mir laut die Worte: Quia amore langueo. Quia amore ardeo. (Ich bin krank vor Liebe. Ich brenne vor Liebe). Und dann die innige Vereinigung mit Gott in vertrauter Liebe. Ich komme mir da vor wie ein Weihrauchkörnchen, auf glühende Kohlen gelegt. Es brennt dann auch mein ganzer Leib, wie ich wenigstens ohne Täuschung wahrzunehmen glaube, in dem Feuer, das ihm von außen kommt. Ich liebe mit einer Liebe, die sozusagen nicht mein Eigentum ist… In der hl. Messe, beim Domine non sum dignus, war ich wie eine Flamme, oder vielmehr das Feuer brannte aus dem Körper, aus den Händen heraus, wie das Feuer aus einem brennenden Scheite“. So berichtete er im Jahre 1923. Und wiederum 15 Jahre später, um nur noch ein Beispiel hierfür anzuführen: „Während der hl. Messe sah ich die Worte, z.B. beim Staffelgebet, wie Feuersonnen aus meinem Munde aufsteigen… Es sind die Liebesakte. Das Breviergebet sah ich ebenfalls in Form von Feuersonnen aus meinem Munde hervorgehen. Gegenüber den Gotteslästerungen, durch welche die hl. Majestät Gottes und die des hl. Herzens Jesu insbesondere so tief beleidigt und betrübt wird, trösten die göttlichen Worte des Breviergebetes den lieben Heiland und verherrlichen Gottes unendliche Hoheit und Majestät. Nachher sah ich auch andere Gebete in ähnlicher Weise aus dem Munde zu Gott emporsteigen. Ich zeichne, weil ich muß.“ — Zum Verständnis dieser letzten Bemerkung muß man wissen, daß eine — vielleicht einzig dastehende — Eigentümlichkeit der Tagebücher von P. Reus darin besteht, daß er vielfach seine Erlebnisse oder wenigstens seine Visionen nicht bloß beschreiben, sondern auch zeichnen mußte. Diese kleinen Federzeichnungen sind zwar keine Kunstwerke, aber sie verdeutlichen doch das Erlebte weit mehr, als es Worte je vermocht hätten, und ohne diese beigefügten Zeichnungen würde vieles, was P. Reus berichten muß, unverständlich bleiben.

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