CONSERVARE

… Salz der Erde

Hirtenbrief zur Fastenzeit 2010

Posted by conservare - 27/02/2010

Liebe Mitchristen! An jedem ersten Fastensonntag wird das Evangelium von der dreimaligen Versuchung Jesu verkündet. Der Teufel will Jesus dazu bringen, ohne Gott zu leben. Der Menschensohn soll zeigen, dass er sich selbst sein Brot verschaffen, ‚eigenmächtig’ und ‚selbstherrlich’ leben kann. ‚Los von Gott! Ich – durch mich selbst, für mich selbst und mit mir selbst’ – das ist das Ziel der Versuchungen Jesu durch den Teufel.

Die Versuchung wegzugehen

Die Evangelien berichten noch von anderen Versuchungen. Nach der „Brotrede“ im Johannesevangelium geben viele der ‚Versuchung’ nach, sich von Jesus zu trennen. „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben“ (Joh 6, 51), hatte Jesus seinen Jüngern gesagt. „Was er sagt, ist unerträglich“ (Joh 6, 60), war ihre Reaktion darauf, und sie zogen sich zurück. In dieser Situation sagte Jesus zu den Aposteln: „Wollt auch ihr gehen?“ (Joh 6, 67).

Im Lukasevangelium weist Jesus darauf hin, dass auch nach seinem Tod, im Laufe der Geschichte, viele Situationen eintreten werden, in denen seine Jünger versucht sein werden, sich von Gott und von ihm abzuwenden. „Der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf“ (Lk 22,31), sagt Jesus. Die Versuchung wegzugehen ist ein wichtiges und häufiges Thema im Neuen Testament und in der ganzen Kirchengeschichte.

Derzeit gibt es viele Versuchungen von Gott, Jesus Christus und der Kirche ‚wegzugehen’. Da ist zuerst unser aufgeklärter Wissenshorizont. Wir wissen heute in der Biologie, in der Entwicklungsgeschichte, in der Soziologie und Psychologie viel mehr als alle unsere Vorfahren. Das macht vielen den Glauben an „Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ nicht einfach.

Katastrophen, wie zum Beispiel das Erdbeben in Haiti, stellen Versuchungen dar, den Glauben an den guten Gott aufzukündigen. Das unermessliche Leid, das sechs Millionen Juden erlitten haben, lässt fragen: Wo war Gott in Auschwitz, Dachau oder den anderen Konzentrationslagern?

Neben Jesus Christus bieten sich heute auch andere Erlöser und Heilsbringer an. Warum soll nur er allein der Weg, die Wahrheit und das Leben sein?, fragen sich viele. Skandale in der Kirche sind echte Versuchungen, ihr den Rücken zu kehren.

Unsere Situation heute

Dazu kommt die derzeitige Situation der Kirche in Deutschland. Die Christen werden immer weniger. Unsere Erzdiözese verliert jedes Jahr mehrere tausend Katholiken. Diese Zahl kommt zustande durch Abwanderungen aus unserem strukturschwachen Oberfranken, durch die demografische Entwicklung – es sterben mehr Katholiken als getauft werden – und durch die hohe Zahl der Kirchenaustritte.

Die öffentliche Anerkennung und die Mitwirkung der Kirche in der Gesellschaft gehen zurück. Nicht zuletzt nehmen unsere ‚Angebote’ in der Kirche ab. Der Priestermangel bedingt, dass weniger Eucharistiefeiern möglich sind. Die weniger werdenden Priester sind nicht mehr so gut erreichbar. Sie können weniger Besuche machen und Gespräche führen. Unsere Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten können auch nicht alles abdecken, was gefordert wird und wünschenswert wäre.

Die Zahl der Ordensfrauen nimmt dramatisch ab. Wir können weder die hauptamtlichen Personen noch die Angebote vermehren, denn auch die Finanzmittel werden geringer. Auch die Zahl der Ehrenamtlichen wird bei abnehmender Katholikenzahl kleiner. Wir befinden uns als Kirche in einer tiefen Krise, die Teil einer Gesellschafts- und Kulturkrise ist. In all dem steckt die Versuchung, Gott, Jesus Christus und der Kirche den Rücken zuzukehren.

Der Versuchung widerstehen

Die Versuchungsgeschichte am Beginn der Fastenzeit ist eine Einladung, dem „los von Gott, los von Jesus Christus, los von der Kirche“ nicht nachzugeben. Sie ist eine Aufforderung, dabei zu bleiben, aktiv mitzuwirken und Kirche mitzugestalten.

Dafür gibt es auch viele gute Gründe. Bei allen Fehlern und Sünden, bei allen Schwierigkeiten und Schwächen haben die Christen und die Kirche für unsere Kultur und Gesellschaft Hervorragendes geleistet und tun es auch heute. Denken Sie an die Gottesdienste, die dem Leben Freude und Kraft, Trost und Zuversicht geben.

Die Verkündigung des Evangeliums im Schulunterricht und in den Pfarreien fördert das Gemeinwohl durch Wertevermittlung, durch religiöse und soziale Bildung. Die Kirche hat unseren Städten und Dörfern die wichtigsten Kirchen und Kulturgüter geschenkt. Unser Gemeinwohl und die soziale Ordnung, die Bildungseinrichtungen – Kindergärten, Schulen und Universitäten – sind ohne die Kirche nicht zu denken. Die kirchlichen Krankenhäuser, Sozialstationen, Seniorenheime und Behinderteneinrichtungen sind ein Segen für unsere Gesellschaft.

Christus ist Heil und Leben

Vor allem aber hat die Kirche den Menschen Jesus Christus gebracht. Wir wissen von IHM, wer Gott ist und wie er handelt. Das Evangelium gibt uns Hoffnung, dass unser Leben und die Geschichte gut ausgehen. Jesus fordert uns auf, den Nächsten zu lieben wie uns selbst. Wenn der Mensch bei Jesus Christus ist, hat er die Kraft, das Gute zu tun und das Böse zu überwinden. Bei Jesus bleiben, darum geht es letztlich in der Kirche. Mit ihm leben, sterben und auferstehen, das ist unser Glaube, Christsein und Kirche.

Es gibt viele Anlässe, von der Kirche wegzugehen, aber noch mehr Gründe zu bleiben, vor allem einen: Jesus Christus, von dem Petrus bekennt: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6, 68).

Liebe Mitchristen!

Ich bitte Sie, die kommende Fastenzeit zu nutzen, um nachzudenken über Jesus Christus und das Evangelium. Informieren Sie sich auch objektiv über die Geschichte der Kirche. Machen Sie sich bewusst, was die Kirche heute für die Menschen und die Gesellschaft Gutes einbringt.

Bleiben Sie bei Gott, bei Jesus und seiner Kirche! Seien Sie aktive Glieder der Kirche! Die Kirche muss sich immer wieder erneuern. Wer dabei mitwirkt, erfährt den Mehrwert des Glaubens und erkennt den Sinn der Kirche. Ich bitte Sie, am 7. März zu den Pfarrgemeinderatswahlen zu gehen. Denken Sie in Ihren Pfarreien mit, wie trotz weniger Katholiken, weniger Kirchenbesuchern, weniger Priestern und hauptamtlichen Mitarbeitern das kirchliche Leben lebendig bleiben kann.

Beten und werben Sie für die kirchlichen Berufe. Wirken Sie auch in Ihrem Umfeld missionarisch. Zeigen Sie, dass Sie zur Kirche gehören und bekennen Sie, warum Ihnen das wichtig ist. Ich möchte Sie auch bitten, beweglich zu sein und am Sonntag die Eucharistie zu besuchen, auch wenn sie nicht im eigenen Ort stattfindet. Wer wirklich keine heilige Messe besuchen kann, der soll eine Wort-Gottes-Feier mitfeiern. Stärken Sie die Kirche durch Ihr Bleiben und Mittun! In ihr wird Jesus Christus erfahren. In ihm ist Leben und Heil.

Ich wünsche allen Kindern und Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren eine besinnliche Fastenzeit 2010. Sie soll das Ja zu Gott, zu Jesus Christus und zur Kirche stärken. Die Antwort des Petrus an Jesus: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6, 68), möge auch Ihre Antwort sein.

Dazu segne Sie der gute Gott, + der Vater und + der Sohn und + der Heilige Geist.

Ihr Bischof Ludwig Schick
Erzbischof von Bamberg

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