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„ich habe gesehen, dass mein Gebet nicht vergebens war“

Posted by conservare - 16/11/2009

Erinnerung an Dr. P. Alexander Zatyrka SJ

Eine Berufungsgeschichte

Aus der Zeitung der Gemeinde Gaimberg „Sonnenseiten“ (Ausgabe Dezember 2003).
Dokumentiert von – und mit freundlicher Genehmigung – meiner lieben Bekannten Elisabeth.

Wie viele schon wissen, hatte P. Alexander die vergangenen drei Sommer die Urlaubsvertretung für
unseren Hr. Pfarrer Otto Großgasteiger über. Viele Gaimberger und auch Nußdorfer
haben ihn näher kennen und auch schätzen gelernt. Nun ist er wieder in seine Heimat Mexico zurückgekehrt
und hat uns zum Abschied näheres über sich und seine Heimat erzählt:

Ich bin am 10. Juli 1960 in Greenfield, Massachusetts geboren. Mein Vater hieß Joseph Paul Zatyrka und war auch
dort geboren. Seine Eltern sind 1914 aus der Ukraine nach Amerika gekommen. Meine Mutter – in Yucatán geboren –
hieß Myriam Pacheco. Ihre Familie kam vierhundert Jahre früher aus dem Baskenland und aus Portugal nach Amerika.
Als ich zweieinhalb Monate alt war, sind meine Eltern nach Yuchatàn in Mexico umgezogen. Ich bin der älteste Sohn.
Als ich zweieinhalb Jahre alt war, ließen sich meine Eltern scheiden. Beide haben noch einmal geheiratet.
Ich habe einen Bruder von Mutters zweiter Ehe und zwei Schwestern und einen Bruder aus der zweiten Ehe meines
Vaters. Ich habe zu meinen Stiefgeschwistern eine gute Beziehung. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist
die an mein Kindermädchen „Cristi“. Sie kam aus dem Stamm der Maya und ich erinnere mich gerne an ihre „Hipil“
– ein langes, weißes Hemd, das die Maya Indianerinnen tragen – an ihre Zärtlichkeit, an ihre Stimme. Ich glaube,
ich habe ihre Sprache – Maya – früher sprechen gelernt als Spanisch. Seither ist mein Leben mit dem der
Indianer sehr verbunden. Mein Lieblingsurlaubsort war immer ein kleines Dorf – Tekax – dorthin sind wir
immer gefahren. Dort habe ich auch heute noch Freunde, Brüder und Schwestern. Von ihnen habe ich die
Gnade bekommen, einen tiefen Glauben zu leben. Dort habe ich auch meinen Ruf zum Dienst an Gott gehört.

Als ich sieben Jahre alt war sind wir nach Mexico City umgezogen. Dort habe ich die Volksschule und dann das
Gymnasium besucht. Schon während der Gymnasialzeit habe ich mit einem neuen Indianervolk gearbeitet. Es waren
Nahuatl, der gleiche Stamm wie die Azteken. Ich habe u. a. auch in einer forstwirtschaftlichen Genossenschaft
gearbeitet. Früher haben die Leute ihr Holz an einen Zwischenhändler verkauft und nur sehr wenig verdient. Wir
konnten es direkt dem Einkäufer verkaufen. Natürlich hat das die Zwischenhändler geärgert. So wurden wir
bedroht. Es war das erste mal, dass ich Verfolgung und auch Angst erlebt habe. Für die Indianer ist das allerdings
ein tägliches Erlebnis. So habe ich mich entschlossen Landwirtschaft zu studieren. Ich habe mich auch für die
Indianer entschieden. Als ich meine Studien (Agraringenieur) beendet hatte, bin ich als Laienmissionar
nach Südamerika gegangen. Ich habe als Entwicklungshelfer in der Landwirtschaft in Bolivien
gearbeitet. Vier Jahre habe ich mit dem Quechuavolk gelebt. Ich war Lehrer an einer Landschule. Am Wochenende
arbeitete ich in der Pastoral. Ich habe als Christ dort einen lebendigen und starken Glauben gelebt.
Ich wollte meinen Glauben dem Volk der Quechua näher bringen. Schwierig war es für mich, die Kultur dieses
Volkes kennen zu lernen. Die Quechua sind Fremden gegenüber sehr misstrauisch, weil sie von den
Ausländern viel Leid erfahren mussten. So sah ich mich gezwungen etwas zu machen, um ihr Vertrauen zu gewinnen.
Ich brauchte sechs Monate um einen freundschaftlich gesinnten Menschen zu gewinnen, dann wurde ich zu
einem Fest eingeladen. Dieses Fest dauerte vier Tage und fand auf einer großen Wiese in viertausend Metern
Höhe statt. In der Mitte der Wiese brannte ein Feuer, das ständig mit Holz und Zweigen angefacht wurde. Die
Leute bildeten einen Kreis und tanzten dabei ständig. Und nun war ich einer, der mit ihnen getanzt hat. Nach
diesem Fest öffneten mir viele Quechua ihr Herz und ich gewann ihr Vertrauen. Ich habe an mehreren religiösen
Feierlichkeiten teilgenommen, bei denen man die Anwesenheit Gottes erleben konnte. Die Quechua haben
mir ein neues Gottesbild vermittelt. Sie haben ein starkes Gefühl für Gemeinschaft. Man dürfte von einer kollektiven
Identität sprechen. Ich beschreibe das mit den Worten: „Ich sind: wir bin“. Das bedeutet: Es gibt kein
Ich ohne Wir und umgekehrt. Ihre Verbindung mit Gott ist ein gemeinschaftliches Erlebnis. Die Quechua verstehen
die Welt als eine große Familie.

Es gab keinen Priester in unserer Pfarrei. Deshalb hat der Bischof uns Laienmissionare
zur Pastoralarbeit eingeladen. Mit dieser Aufgabe habe ich die Gemeinschaften des dortigen Indianervolkes der
Quechua besucht. Diese Erfahrungen verwandelten meine Einstellung diesem Volk gegenüber und gaben mir
einen Plan für mein künftiges Leben. Ich fühlte, dass ich meine Berufung zum geistlichen Dienst durch das
Quechuavolk bekommen habe. Deshalb haben sie auch heute noch eine spezielle Stelle in meinem Herzen.
Ich wäre gerne dort geblieben um mit ihnen zu arbeiten. Aber leider ist meine Mutter krank geworden und
ich musste zurück nach Mexico City. Dort bin ich in die Gesellschaft Jesu (Jesuiten) eingetreten.
Während meiner jesuitischen Ausbildung und theologischen Studien in den 90er Jahren habe ich sechs Jahre in
Chiapas mit dem Tzeltalvolk das Leben geteilt. 1997 ist meine Mutter gestorben und im April 1999 mein Vater.
Sie konnten also beide nicht mehr meine Priesterweihe am 29. Mai 1999 an der Iberoamericana Universität in
Mexico City erleben. Meine Primiz feierte ich am Dreifaltigkeitssonntag, 30. Mai 1999 in der St. Ignatius Kirche
in Mexico City. Mein Provinzial schickte mich dann für das Doktorat nach Innsbruck. So war ich also für drei
Jahre in Tirol und einen Teil davon auch in Osttirol.

Etwas ganz Schönes und auch Wichtiges in meiner Berufungsgeschichte möchte ich noch erzählen.
Während meines dreiwöchigen Aufenthaltes in Gaimberg im Sommer 2002 habe ich neben meinen Studien und
meiner Pastoralarbeit auch einen einmonatigen Aufenthalt in der Ukraine vorbereitet, geplant und organisiert.
(Danke Elisabeth für das Telefon und Internet!!) Ende August 2002 flog ich nach Moskau und von dort nach Kiew.
Ich wollte so gerne die Heimat meiner Großeltern kennen lernen. Dass es so weit gekommen ist, habe ich vielen
wunderbaren Fügungen Gottes zu verdanken.
So machten wir vom Jesuitenkolleg in Innsbruck einmal einen Ausflug nach Neuschwanstein, die
bayrischen Königsschlösser zu besichtigen. Im Bus dorthin saß auch ein Mann aus der Ukraine. Er wunderte
sich über meinen russischen Schreibnamen, obwohl ich aus Mexico bin. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte
mir von einem Bekannten (Universitätsprofessor in Litauen), der sich in der Gegend um Lemberg und Tschernobyl
gut auskennt. Ich wusste ja gar nicht, wo genau ich nach meinen Vorfahren suchen sollte. Nach langen und
spannenden, detektivischen Arbeiten, auch von Jesuitenmitbrüdern in Russland, fanden wir einen kleinen Ort, der
mir aus Erzählungen in meiner Kinderzeit bekannt vorgekommen ist (See, Teppichknüpfen, …). Nach vielen
Abenteuern kamen wir Mitte September dort an. Am Dorfeingang trafen wir eine Frau, die uns zum Friedhof führte.
Für mich war es ein tiefes Erleben, die verfallenen Grabhügel und Grabsteine mit dem Namen Zatyrka zu sehen.
Diese Frau erzählte uns von einer 96 Jährigen, die in diesem Dorf wohne – wenn wir wollen, würde sie
uns dorthin begleiten. Wir kamen zu dem alten Haus, meine Begleiter übersetzten den Grund unseres Besuches.
Da begannen ihre Augen zu strahlen und sie erzählte, dass sie als kleines Mädchen beim Abschied meiner Großeltern
aus der Ukraine (vor 88 Jahren!) dabei gewesen sei. Und sie erzählte so viel und lange und wusste trotz ihres
hohen Alters noch manches ganz genau. Dann fragte sie mich über mein Leben, meine Familie, meine Frau und
meine Kinder … Meine Freunde übersetzten ihr, dass ich keine Familie hätte, dass ich ein „Priestermönch“ sei.
Und dann begann sie heftig zu weinen, sie war ganz außer sich. Als sie sich beruhigt hatte, sagte sie zu mir:
„Deine Großmutter hat meine Eltern und mich beim Abschied gebeten, dafür zu beten, dass jemand aus der
Familie Zatyrka katholischer Geistlicher werden möge. Und ich habe darum mein ganzes Leben lang gebetet.
Und nun bist du da, und ich habe gesehen, dass mein Gebet nicht vergebens war. Und nun bin ich so glücklich
und froh – ich könnte jetzt vor Freude sterben! Danke, danke guter Gott!!“
Ich war so erschüttert, dass ich nur an die Stelle aus dem Lukasevangelium (LK 2, 25 – 32) denken konnte.

Vieles in meiner Berufungsgeschichte sehe ich nun in einem anderen Licht, es ist vieles durch diesen Besuch „bei
meinen Ahnen“ tiefer und bedeutsamer geworden. Und ich danke Gott für dieses Erlebnis noch heute!

Ein kleiner Einblick in die Doktorarbeit (Dissertation) Der Titel ist: Inkulturation der christlichen Ämter
in die indianischen Kulturen von Amerika. Fallstudien in den Tzeltal und Quechua Kulturen.
In den letzten Jahren fand der Begriff „Inkulturation“ seinen Platz im theologischen Jargon. Heute sprechen viele
Theologen über das Für und Wider von Inkulturation. Es entwickelten sich mitunter widersprüchliche Auffassungen
dieses Ausdrucks Vorwiegend herrscht die Meinung, dass Inkulturation „Übersetzung“ bedeutet.
Man müsste die christliche Botschaft in verständliche Bezeichnungen für eine fremde Kultur übersetzten. Einige
Forscher denken, dass die Inkulturation am besten von Pastoralarbeitern geleistet werden soll. Sie sollen
mit den indianischen Völkern leben und arbeiten, um so ihre Kultur verstehen zu können. In letzter Zeit
hört man mehr und mehr, dass Inkulturation ein Prozess ist, der am besten von den Indianern selbst
vorangetrieben werden muss. Sie inkulturieren den christlichen Glauben jeden Tag durch ihr Leben und ihre
Arbeiten in ihrem Kontext (=Einheit).Fast alle Studien, die sich mit Inkulturation beschäftigen, können
in drei große Gruppen eingeteilt werden. Eine dieser Gruppen entspringt der Mentalität des „New Christendom“,
deren Sorge es ist, eine „christliche Zivilisation“ zu bauen. Hier findet man Bewegungen wie „Evangelisation
2000“, Foccolare, charismatische Erneuerung, „Neo-Katechumenat“, und andere Laienbewegungen.
Die Idee ist, eine Zivilisation auf dem Fundament der Religion zu bauen, wobei angenommen wird, dass man
eine Religion finden kann, die von jeglicher Kultur unvoreingenommen ist. Mit ihrer Hilfe könnte man eine
universelle christliche Zivilisation errichten, die von allen akzeptiert wird. Darum legen diese
Bewegungen einen sehr starken Nachdruck auf Gleichförmigkeit (Liturgie, Sprache, Lieder, usw.) und haben
auch großen Zuspruch. Als andere Annäherung ist die „inkulturierte Pastoralpraxis“ genannt worden. Ihre
Verfechter finden,dass inkulturierte Pastoralpraxis eine historische Kirchenpraxis ist. Vom dogmatischen
Standpunkt aus, ist sie auf das Geheimnis der Menschwerdung und der allgemeinen Erlösung gegründet.
Ihre wichtigste Sorge ist die Anpassung der christlichen Botschaft an verschiedene Pastoralgebiete,
z.B., Ausbildung, Sozialsorge, Menschenrechte, Familienämter, Jugendarbeit, usw. Die Hauptträger wären
sensibilisierte Pastoralarbeiter. Der Nachdruck liegt auf der Evangelisation der Kulturen, was Inkuluration
meint. Die christliche Botschaft soll jeder Kultur helfen, ihre menschliche Reife zu finden. Es gibt eine dritte
Annäherung, die so genannte „inkulturierende Gemeinschaft“. Sie ist auf der traditionellen und fruchtbaren
Praxis verschiedener Gruppen und Ämter gegründet. Mit ihrem sensus fidei (=Gespür für Kirche) haben diese
Gemeinschaften das christliche Kerygma (=Verkündigung) aufgenommen und haben ihre eigenen Glaubensformen
produziert. Jede Gemeinschaft hat spontan ihre Erwiderung zum Evangelium entwickelt. Die Erwiderung enthält
indianische Symbole und Praktiken. Sie helfen den Leuten sich mit der transzendentalen Erfahrung des Evangeliums
zu vereinigen. Deshalb kann man sie eine Religion (religare, wieder binden) nennen. Von einem dogmatischen
Standpunkt aus, ist „inkulturierende Gemeinschaft“ auf dem Pfingstereignis gegründet. Pfingsten ist das
Grundereignis der Kirche. Seither hat der Heilige Geist jeder Person und Kultur die Stärke gegeben, ein Zeuge
Christi zu werden. Der Heilige Geist ist das Herz des Inkulturationsprozesses. In meiner Fallstudie werde ich mich
von diesem letztgenannten Gesichtspunkt aus annähern. Der Heilige Geist, der in allen indianischen Kulturen
anwesend ist, hat diese Kulturen in der Heilsgeschichte situiert (in die richtige Lage gebracht). Sie waren vorbereitet
die christliche Botschaft zu hören und zu akzeptieren. Sie haben die Gnade von Gott bekommen in der
Universalkirche ein neues Verständnis der Botschaft einzubringen.

Anmerkung der Redaktion:
Pater Alexanders Doktorarbeit umfasst 1000 Seiten und ist in fünf Bände gebunden.
Sein zukünftiger Wirkungsbereich wird an der Theologischen Fakultät,
Colegio Máximo de Christo Rey in Mexico City sein.

Wir wünschen Pater Alexander alles
Gute und Gottes Segen.

Von Elisabeth Klaunzer

Hirt-Schaf

„Der gute Hirte und das verlorene Schaf“;
die letzte „Arbeit“ von Pater Alex in Gaimberg.

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